Zwischen Gottesliebe und Eigensinn

Auf den Spuren von Gertrud von Magdeburg und Gertrud von Helfta

Eine Art Protokoll vom Tag der Diakonin

29. April 2009, 14:00 Uhr. Ich bin viel zu früh da. Die Tische werden noch gedeckt, geschmückt. Ein kleiner Klönschnack, Lesen in der Verbandszeitschrift, Prüfen der mitgebrachten Materialien, Nachdenken über den „Tag der Diakonin“: 

Am 29. April 1997 hat der Katholische Deutsche Frauenbund die Mystikerin, Ordensfrau und Kirchenpolitikerin Katharina von Siena (*1347) zum Vorbild für alle Frauen erklärt, die sich in der Kirche engagieren, und sie zur besonderen Schutzpatronin der inzwischen 23 Frauen gemacht, die sich in einem dreijährigen Vorbereitungskurs auf das Amt der „Diakonin in der katholischen Kirche“ vorbereitet haben. Diese Frauen haben das getan – gegen alle kirchenpolitische Wahrscheinlichkeit und gegen große kirchenamtliche Widerstände - in der vertrauensvollen Hoffnung auf Wiedereinführung der in der frühen Kirche möglichen Weihe von Frauen zu Diakoninnen. Für diesen Fall wollen sie gerüstet sein. In der Zwischenzeit bieten sie ihren Bischöfen ihren Dienst für diakonische Leitungsaufgaben in der Gemeinde an. Alle Frauen arbeiten ehrenamtlich in diakonischen Aufgaben. Einige haben gute Kontakte zu ihren Bischöfen.

In dem Engagement dieser Frauen erscheint die Vision einer diakonischen Kirche, das heißt einer Kirche, die durch ein eigenständiges Amt - nämlich durch das Amt des Diakons, der Diakonin - in die heutige Zeit hinein Zeugnis davon ablegt, dass die Kirche, als Gemeinschaft von Christinnen und Christen, auf der Seite der Schwachen, der Hilfsbedürftigen und der am Rande Lebenden steht. Über 200 Männer und Frauen haben sich in den letzten Jahren mit diesem Anliegen solidarisch erklärt und sich in dem „Netzwerk Diakonat der Frau“ zusammengeschlossen…

Die ersten Gäste kommen!

Blick aus dem Fenster. Endlich Regen! Er wäscht die Pollen aus der Luft. Üppiges Grün! Satte saftige Natur! Fliederduft. Söder, ein Idyll.

Hei - die ersten Frauen kommen! Lustiges Geschnatter. Kaffeetafel. Verteilen der Aufgaben für die Wortgottesfeier. Begrüßung …

40 Frauen des Katholischen Deutschen Frauenbundes der Diözese Hildesheim sind zum „Tag der Diakonin“ ins Pilgerhaus nach Söder gekommen, um den Spuren zweier Frauen zu folgen: Mechthild von Magdeburg und Gertrud von Helfta.

Die Vorsitzende, Erika Heinemann, verliest nach der Begrüßung die Pressemitteilung des Bundesverbandes über den Tod der Kloster-Helfta-Schwester Priorin Assumpta Schenkl. Für das Kaffeegedeck erbittet sie fünf Euro: Die Anschaffung eines Geschirrspülers im Pilgerhaus ist überfällig…

Voller Erwartung hören wir nun die Referentin: Christiane Becker, Familienfrau, Studium von Theologie und Kunst, Hochschulseelsorgerin, Leiterin der KHG Clausthal. Theologische Schwerpunkte: Liturgie, geistliches Leben, Mystik.
Sie nimmt uns mit in die Welt zweier Frauen und projiziert dazu Bilder christlicher Kunst an die Wand:
Gertrud von Helfta und Mechthild von Magdeburg - Diese zwei Frauen aus dem Mittelalter verbindet ihr tiefes Erleben der Nähe und Gegenwart Gottes, und dass sie immer wieder von der Liebe sprechen: der Liebe Gottes zu uns Menschen, der Liebe des Menschen zu Gott und zu den Nächsten. Sie waren Zeitgenossinnen und haben einige Jahre zusammen im Kloster Helfta gelebt, im Mittelalter als Krone der deutschen Frauenklöster bekannt und berühmt durch die wissenschaftliche Bildung der Ordensfrauen und deren Christusmystik.

 

Ich tanze, Gott, wenn du mich führst!

Mechthild von Magdeburg: Geboren um 1207, adlige Tochter auf einer Burg im Umkreis Magdeburgs; lernt lesen, schreiben, Latein, ist fasziniert vom Minnegesang, sieht die Not der Armen in ihrer Umgebung. Mit 12 Jahren „in überaus seligem Fließen vom Heiligen Geist gegrüßt“ hat sie erste mystische Erfahrungen. Sie bricht mit allen Konventionen (weder Heirat noch Kloster). Mit ca. 23 Jahren geht sie nach Magdeburg, schließt sich der Beginenbewegung an: Diese Frauengemeinschaften leben ohne Klosterregel, ohne bindendes Versprechen, aber in Ehelosigkeit und Gütergemeinschaft. Ihr geistliches Leben, Seelsorge, Sozialarbeit, Broterwerb, diakonisches Handeln geschieht in Unabhängigkeit von Kloster oder Pfarrei. So etwas macht misstrauisch, bald gibt es Streit mit dem Domkapitel. Sie beginnt ihre Gotteserfahrungen niederzuschreiben, nicht in Latein sondern in mittelniederdeutsch; wird angegriffen als schreibende Frau und wegen ihrer Sprache: Sie schreibt in Worten der Minne, Liebeslyrik, des Hoheliedes - und muss ihr Buch vor dem Kirchengericht verteidigen. Sie ruft zur Reform der Kirche auf: „Ist der Mantel alt, dann ist er auch kalt. Darum muss ich meiner Kirche einen neuen Mantel umlegen.“ (aus ihrem Buch „Fließendes Licht der Gottheit VI,21 - im Jahre 1250).

Mit etwa 60 Jahren geht sie ins Kloster Helfta, wo sie Heimat findet, d.h. Gleichgesinnte und Raum für ihre Gotteserfahrungen.
Wege zu Gott sind Wege des Leids und der Liebe: Sie begreift sich selbst als sündigen Menschen, und die Auseinandersetzung mit dem Bösen erscheint als Lebensthema; auf der anderen Seite erreicht sie tiefe mystische Vereinigung mit Gott und kann diese Liebe in Worte und Bilder fassen. Sie stirbt mit etwa 80 Jahren.


Gertrud von Helfta ist 50 Jahre später, 1256, geboren, wird mit fünf Jahren ins Kloster Helfta aufgenommen und erfährt hier eine hervorragende philologische und theologische Ausbildung. Sie wird Theologin und Seelsorgerin. In ihrem Hauptwerk „Exerzitia spiritualia“ (Geistliche Übungen) schreibt sie die „Summe“ ihres religiösen Wissens, Lebens und Erlebens nieder. Es ist eine Anleitung zu Exerzitien und Gebet (lange vor Ignatius von Loyola ,*1491). Sie will vermitteln, dass Gott in seiner unendlichen Größe dem Menschen unendlich nahe kommt, und dass der Mensch in seiner unendlichen Nichtigkeit zur unendlichen Würde berufen ist. Auch sie schreibt in der modernen Sprachform ihrer Zeit, der Minne - Liebeslyrik. Sie stirbt mit 45 Jahren…

Mit einem Hymnus von Mechthild von Magdeburg und einer Meditation von Gertrud von Helfta, mit Psalmen und Liedern aus dem Gotteslob, mit Lesung, Ansprache, Magnificat, Fürbitten, Vaterunser und Segen, mit einer Gottesdienstleiterin in Mantelalbe - mit einer Vesper - beenden wir den „Tag der Diakonin“ in der Marienkapelle. 40 Frauen danken der Referentin Christiane Becker! Danken auch den treuen Helferinnen des Pilgerhauses Söder!

Hildegard Fensterl